Ein offener Brief an meinen Vater

Lieber Papa,

Wenn du ein Freund von mir wärst, dann hätte ich dir bereits das erste Mal 1990 die Freundschaft gekündigt. Damals, am Tag meiner Geburt, war ich zwar noch nicht zu Worten fähig, aber gerne hätte ich dir einfach gesagt, dass du dich nie wieder bei mir blicken lassen sollst, wenn du jetzt durch diese Türe spazierst und Mama und mich verlässt. Zu deiner anderen Frau gehst und mit ihr eine neue Familie gründest. Wahrscheinlich werde ich nie verstehen, was in deinem Kopf vorging. Als du uns versprochen hattest, dass wir zusammen ein Haus beziehen werden, dass du uns ein Nest baust in dem ich groß werden und Mama glücklich sein kann. Als du dann einfach wieder aus dem Krankenhaus gelaufen bist, zu deinem Auto mit der fertig gepackten Reisetasche und zu ihr gefahren bist.

Das zweite Mal hätte ich dir die Freundschaft gekündigt als ich 4 Jahre alt war, denn mit 4 Jahren werden die Erinnerungen aufgezeichnet, an die man sich später noch erinnern kann. Ansonsten wäre der Zeitpunkt der zweiten Freundschaftskündigung bereits früher eingetreten. Damals saß ich vor dem Haus auf der Treppenstufe und habe die Autos gezählt, irgendwann nach Farben sortiert. Gelernt die Motorengeräusche zu unterscheiden. Und mit jedem Auto das vorbei fuhr und nicht in unsere Einfahrt abbog, sank mein Mut ein klein wenig weiter. Ich möchte nicht wissen wie viel Zeit meines jungen Lebens ich insgesamt damit verbracht habe auf dich zu warten. An diesem Tag waren es 2h.

Ein weiteres Mal hätte ich dir die Freundschaft gekündigt als du zu meinem Diplomball gekommen bist und eingeschlafen bist. Weil du eine so stressige Woche hattest.

Das nächste Mal hätte ich dir die Freundschaft gekündigt als ich meine Abschiedsparty gefeiert habe. Du warst kurz da, wirktest angespannt, musstest bald wieder gehen und hast versprochen später noch einmal wieder zu kommen. Du hast dich weder gemeldet, noch bist du je wieder aufgetaucht.

Wärst du ein Freund von mir, hätte ich dir das letzte Mal vor zwei Wochen die Freundschaft gekündigt. Als du mir mal wieder abgesagt hast, weil „etwas dazwischen gekommen“ ist. Du wolltest mich nach meinem Urlaub vom Flughafen abholen. Und danach noch schön essen gehen. Doch es hat dir mal wieder nicht gereicht. Zu stressig war die Woche, der Tag, das Leben. Zu wichtig die Kunden, die Aufträge, die Rechnungen.

Wärst du ein Freund von mir, würde ich dich anschreien. Dir eine Szene machen. „Was glaubst du eigentlich wer du bist? Und was glaubst du warum auch nur ein einzelner Mensch auf dieser Welt so lange ausgerechnet auf dich warten sollte? Du bist ein unzuverlässiger Lügner! Lass mich bloß in Ruhe, melde dich nie wieder bei mir!“ Und würde daraufhin deine Nummer sperren und löschen. Nach einiger Zeit würde ich mich beruhigen, vielleicht sogar Verständnis für dich aufbringen, deine Unzuverlässigkeit als eine liebenswerte Marotte ansehen und dich bald wieder in meine Arme schließen. Wahrscheinlich würde ich mich nicht mehr so sehr auf dich verlassen, mir vielleicht andere Freunde suchen, die besser zu mir passen.

Aber du bist mein Vater und davon habe ich nur einen einzigen. Bisher habe ich mich noch nicht einmal getraut dir zu sagen was ich fühle. Ich bin gespannt, ob dieser Tag jemals eintreten wird.

Und wirst du mir jemals dein Geheimnis verraten?

Sabrina, 25 Jahre

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